Lebensräume

Sekundäre Lebensräume

Ein sekundärer Lebensraum ist ein stark vom Menschen verändertes Biotop, welches oftmals in Folge von Industrialisierung und wirtschaftlicher Erschließung eines Gebiets entstanden ist. Da diese Habitate zumeist unzugänglich, keinerlei Eingriffen unterworfen und störungsfrei sind, haben sie in einer Landschaft, der die Primärhabitate fehlen, ein großes ökologisches Potential.

Im Tullnerfeld gibt es verschiedene sekundäre Lebensräume, wie die großen Baumschulen und Gärtnereien rund um die Stadt Tulln, die Absetzbecken der Zuckerfabrik Tulln, das Industriegelände und die umliegenden Flächen des Kohlekraftwerks Dürnrohr, die großen Wiesenbereiche am Militärflugfeld Langenlebarn, die Ausgleichsflächen der Hochleistungsbahnstrecke der ÖBB sowie einige Schottergruben und Schlammbecken, vor allem nördlich der Donau. Diese Biotope stellen weitere inselartige und potentiell nutzbare Lebensräume für die Tier- und Pflanzenwelt des Tullnerfeldes dar und haben sich zum Teil bereits als „Hotspots“ der Biodiversität in der Region etabliert.

„Biodiversitäts-Hotspot“ Kraftwerk Dürnrohr

Mit gezielten Managementmaßnahmen können in sekundären Lebensräumen artenreiche Ökosysteme entstehen, deren Fortbestand unbedingt erhalten, geschützt und gefördert werden sollte. Zu den ökologisch besonders bedeutsamen Sekundärstandorten des Tullnerfeldes zählen die artenreichen und vielseitigen Flächen des Kraftwerks Dürnrohr, welche als Schmelztiegel für verschiedene Lebensraumtypen und Arten fungieren. Die Nähe zu den Tullnerfelder Donau-Auen und der Perschling sind hier wohl gleichsam von Bedeutung wie die Topografie und die unterschiedlichen Nutzungsformen des Geländes.  

Lebensraum Schottergrube

Auch Schottergruben, die sich im Abbau befinden oder bereits stillgelegt wurden, sind verteilt über das Tullnerfeld zu finden und haben ein großes naturschutzfachliches Potential. Ein hier zu findendes Kleinrelief an verschiedenen Habitaten ermöglicht eine hohe Biodiversität und bietet je nach Bewirtschaftungsintensität und Management wertvollen Lebensraum.

Positive Entwicklung entlang der Hochleistungsbahnstrecke (HLBS)

Im Zuge der Errichtung der HLBS der ÖBB wurden eine Vielzahl an ökologischen Ausgleichsflächen realisiert, die einerseits eine Vernetzung von Lebensräumen, in der sonst intensiv agrarwirtschaftlich genutzten Landschaft gewährleisten sollen, sowie zur Erhaltung von ökologischen Funktionen des Gebietes dienen. Beispiele hierfür sind Korridore für Wildtiere, Bruthabitate für Vögel und diverse Lebensräume für Insekten. Viele dieser ökologischen Ausgleichsflächen fügen sich aus kulturlandschaftlicher Sicht harmonisch in das Landschaftsbild des Tullnerfeldes ein.

© Linie29/Commons
Smaragdeidechse © K. Wessely
Rotflügelige Schnarrschrecke © K. Wessely

Lineare Strukturen

In der Agrarlandschaft des Tullnerfeldes bieten lineare (Rand)strukturen, wie Raine, Böschungen und Säume an Bahn- und Straßenrändern, Schutz, Korridore und Wandermöglichkeiten für Pflanzen und Tiere. Die dadurch entstehende Vernetzung unterschiedlicher Gebiete ist essentiell für einen genetischen Austausch jeweiliger Arten. Auch wenn diese Lebensräume auf den ersten Blick unscheinbar und unbedeutend erscheinen, sind sie in einer ausgeräumten Landschaft ungemein wichtige Trittsteine und können sehr artenreich sein. Mit den richtigen und zeitlich abgestimmten Pflegemaßnahmen lässt sich deren Artenvielfalt sogar effektiv erhöhen.

Kommassierung als Anfang vom Ende?

Leider wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele dieser Strukturen im Tullnerfeld im Zuge der Kommassierungen zerstört.  Die ehemals kleinstrukturierte Agrarlandschaft wurde zu dabei zu großen zusammenhängenden Bewirtschaftungsflächen umgestaltet. Um eine effektive und bestmögliche Bearbeitung der Felder zu gewährleisten, kam es zu einer Flurbereinigung in Folge derer Böschungen, Raine und Wegsäume flächendeckend entfernt wurden. Rein ökonomische Argumente hierfür waren die Maximierung der Flächen, ein barrierefreier Zugang für moderne landwirtschaftliche Maschinen und die dadurch entstehende Arbeitsminimierung und Kostenersparnis.

Mahd zum richtigen Zeitpunkt!

Heute wissen wir, dass selbst die kleinsten Naturstrukturen für Pflanzen und Tiere überlebenswichtig sind und unser Wohlbefinden steigern können. Denn selbst bei einem Spaziergang in der Ackerlandschaft kann so manch verborgener Schatz zutage kommen und an Wegrändern eine bunte Blütenvielfalt mitsamt dem emsigen Summen einer Vielzahl von Insekten, allen voran unzähliger Wildbienenarten, bestaunt werden. Daher sollte von einer regelmäßigen und mehrmals im Jahr durchgeführten Mahd der Randstrukturen abgesehen werden. Stattdessen sollte die Mahd auf die Anwesenheit, das zeitliche Aufkommen und die Fortpflanzung von Flora und Fauna abgestimmt werden.

© H. Grabherr
Das Rebhuhn © K. Wessely
Die Holzbiene © K. Wessely

Gehölze

In den landwirtschaftlich genutzten Flächen des Tullnerfelds bilden heutzutage unterschiedliche Gehölzstrukturen, wie Feldgehölze, Strauchhecken, Windschutzstreifen, alte Baumriesen, Einzelbäume an Straßen & Feldwegen und kleine Waldbestände mosaik- und inselartige Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Einst bedeckten Eichenmischwälder den pannonischen Raum und so wahrscheinlich auch das Tullnerfeld, wo zusätzlich große Auwaldbereiche vorzufinden waren. Erst durch das Wirken des Menschen wurde die Region nach und nach in eine sekundäre Kultursteppe und in weiterer Folge in die heute anzutreffende Getreidesteppe umgewandelt.

Was tat und tut der Mensch?

Jedoch sind nicht alle heute im Tullnerfeld existierenden Gehölzstrukturen auf Relikte der damaligen Zeit zurückzuführen, denn der Mensch hat eine Vielzahl dieser selbst angelegt. Unter anderem wurden in den 1920er Jahren aufgrund verheerender Winderosionsereignisse auf den Feldern viele „Schutzgehölzer“ in Form von Windschutzstreifen und Hecken gepflanzt, vorrangig mit schnell wachsenden Gehölzarten, wie der Bastard-Schwarz-Pappel, die heutzutage an den vermehrt trockenen Bedingungen zu leiden hat und sukzessive als Baumart der „Schutzgehölzer“ verschwinden wird.

Durch den rasanten Klimawandel müssen wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie in Zukunft mit Veränderungen der Pflanzen- und Baumgesellschaften umzugehen ist und wie vorhandene Gehölze bestmöglich adaptiert werden können.

Gehölzstrukturen für mehr Biodiversität

Denn obgleich Bäume und Sträucher im Tullnerfeld heute nur inselartig vertreten sind, bieten sie extrem wertvolle Lebens- und Zufluchtsräume in einer sonst weitgehend ausgeräumten Landschaft und gewährleisten Brut-, Schutz- und Wandermöglichkeiten für unzählige Arten. Hier finden störungssensitive Greifvögel geeignete Horstbäume, Höhlenbrüter, wie Spechte, Eulen oder Meisen finden ein passendes Zuhause für die Jungenaufzucht, höhlen- und spaltenbewohnende Fledermäuse kommen hier genauso vor, wie an Gehölze angepasste Gliederfüßer. Daher tragen diese hölzernen Biotope viel zur Biodiversität des Tullnerfeldes bei und ermöglichen zugleich eine Vernetzung von verschiedenen Lebensräumen.

 

Die Schwanzmeise © H. Grabherr
Der Hirschkäfer © K. Wessely

Gewässer & Uferstrukturen

Ehemals war das Tullnerfeld ein Lebensraum voller Gewässer und Feuchtlebensräume. Das “Auland” und “Donaufeld” waren und sind teilweise heute noch durch Hochwasser und regelmäßige Überflutungen geprägt – Naturphänomene, die den wasserreichen Lebensraum des Tullnerfeldes unterstreichen. Jahrhundertelange Trockenlegungsprozesse haben jedoch die Gewässer, Flüsse und Feuchtlebensräume stark verändert.

Kanäle und Gräben wurden ausgehoben, um das Wasser gezielt in das und aus dem Gebiet zu leiten, mäandrierende Flüsse wie die Perschling, die Große Tulln und die Schmida wurden in ein „enges Korsett gesteckt“ und weitgehend begradigt und reguliert. Teiche und Tümpel wurden einfach zugeschüttet. Die intensive Landwirtschaft beeinträchtigte auch den Grundwasserstand der Region massiv. 

Das machte sich nicht nur quantitativ bemerkbar, was mit einem Absinken des Grundwasserspiegels einherging, sondern auch qualitativ – durch den Eintrag von Stickstoff und anderer Substanzen in das Wasser. Drainagen, Gräben, verbliebene Tümpel und Teiche sind heutzutage vielfach verlandet, jedoch bieten diese, sowie die verbliebenen Flussläufe des Tullnerfeldes, wertvolle Lebensräume, lineare Wandermöglichkeiten und Korridore für eine Vielzahl an Arten.

Gesunde Gewässer mit intakten Uferstrukturen sind zu erhalten

Aber nicht nur die Gewässer selbst, sondern auch deren intakte und begleitende Uferstrukturen sind naturschutzfachlich von großer Bedeutung. Daher gilt es auch diese zu erhalten, zu schützen und in weiterer Folge zu pflegen. Damit soll sich zukünftig der gesamte Lebensraum rund um die verbliebenen Gewässer im Tullnerfeld für Pflanzen und Tiere zu einem wertvollen Refugium etablieren. Natürlich leisten „gesunde“ Gewässer in einer Zeit, die durch vermehrte Trockenheitsperioden geprägt ist, essenzielle Beiträge für die Hydrologie und das Klima einer Region und haben daher auch einen großen Anteil an der Lebensqualität des Menschen.

© H. Grabherr
Der Zwergtaucher © K. Wessely
Die Ringelnatter © K. Wessely

Wiesen & Weiden

Ehemals war das Tullnerfeld ein Lebensraum verschiedener Wiesen und Weiden, die hier noch vor 250 Jahren das Landschaftsbild prägten. Doch diese einzigartigen Lebensräume wurden durch groß angelegte Umstrukturierungen in der Region nach und nach in urbares Kulturland verwandelt.

Sogenannte Anmoore, Feuchtwiesen und teils großflächig und regelmäßig überschwemmte Flächen, die sogar kleine Seen bildeten (u. a. deuten die Namen Egelsee und Pixensee darauf hin) und die auch als Hutweiden genutzt wurden, mussten gewinnbringenden und ertragreichen Landwirtschaftsformen weichen.

Auch wechselfeuchte bis magere Wiesen und steppenähnliche Hutweiden prägten das Landschaftsbild des Tullnerfeldes. Diese sind Großteils durch die Landschaftsveränderung verloren gegangen.

Verlust an Arten und Biodiversität aufgrund von Entwässerung und Trockenlegung

So sind in den letzten 100 Jahren Feuchtlebensräume, Wiesen und Weiden aus dem Tullnerfeld großflächig verschwunden. Heute findet man noch Reste von früher weit verbreiteten anmooren Böden im südlichen Tullnerfeld, oder ehemaligen Viehweiden im nördlichen Tullnerfeld. Diese sind jedoch nur  Relikte des damaligen weit verbreiteten Landschaftsbildes. Leider zeigen rezente, botanische Vergleiche zu früheren Erhebungen auf Feuchtwiesen des Tullnerfeldes, einen dramatischen Verlust an Arten und Biodiversität aufgrund der jahrhundertelangen Entwässerung und Trockenlegung. Natürlich ging dies auch mit einem Verlust der zoologischen Vielfalt einher.

Wie für die Feuchtlebensräume gilt dies auch für die mageren Wiesen und Hutweiden – Biotope, die ganz spezifische Arten aufweisen, die teilweise streng geschützt sind und deren Vorkommen höchst gefährdet ist. So finden sich auf den steppenähnlichen Restflächen im Tullnerfeld unter anderem das Europäische Ziesel, der Feldhamster, wärmeliebende Insektenarten und besonders an Trockenstandorte angepasste Pflanzen.

Die Hoffnung auf Sicherung von Beständen lebt

Doch es gibt noch Hoffnung. Denn ehemals vorkommende und österreichweit stark gefährdete Pflanzenarten haben sich kleinräumig auf unterschiedlichen Wiesenresten erhalten und können somit Samenmaterial für etwaige Wiederbepflanzungen zur Verfügung stellen. Viele charakteristische und visuell ansprechende Arten, wie u. a. Orchideen, Lungen-Enzian, Sumpf-Gladiole, Österreich Lein und Federgras, die einst auf den Wiesen und Weiden des Tullnerfelds zu finden waren, könnten somit in ihrem Bestand gesichert werden. Und ist der Lebensraum einmal gesichert, so haben auch die Tiere und Pflanzen, die einst auf den Wiesen und Weiden zu finden waren, wieder die Möglichkeit, in ihr altes, neues Zuhause einzuwandern.

© H. Grabherr
Das Europäische Ziesel © K. Wessely
Der Schwalbenschwanz © K. Wessely

Sutten & Brachen

Das landschaftliche Hauptelement des Tullnerfelds ist eine, aus zumeist einjährig bewirtschafteten Feldkulturen bestehende, Ackermatrix. Trotz des Gesamteindrucks einer intensiven und ausgeräumten Agrarlandschaft gibt es hier jedoch ganz besondere und stark gefährdete Lebensräume – die Ackersutten.

Ackersutten sind periodisch vernässte und trockenfallende Feuchtlebensräume, die sich in Senken und Mulden bilden und die als „Hotspot“ der Biodiversität gelten.

Hier tummeln sich auf kleinstem Raum eine große Bandbreite an Organismen, mitunter Insekten, Amphibien und Vögel. Eine weitere Besonderheit sind die hier vorkommenden Kiemenfußkrebse, auch „Urzeitkrebse“ genannt.

Aufgrund langjähriger Gewässerregulierungen, Drainagierungs- und Trockenlegungsprozesse sind Ackersutten im Tullnerfeld weitgehend verschwunden. Jedoch besteht die Möglichkeit das ökologische Potential dieser Lebensräume wiederzubeleben, zum Beispiel durch Wiedervernässungen und eine extensive Bewirtschaftung. Denn in Zeiten immer rascher wiederkehrender Trockenheitsperioden hat eine „nasse Sutte“ vielfache Nutzen für Tier und Mensch.

Eine weitere Besonderheit in der Ackerlandschaft sind die Brachen. Egal ob flächig, linear oder mosaikartig angelegt sind sie Lebensraum, Rückzugsort, Fortpflanzungsgebiet und Wanderkorridor für eine Vielzahl an Arten und von enormer Bedeutung, in einer sonst ausgeräumten Landschaft. Durch eine ausbleibende oder extensive Bewirtschaftung dieser Flächen haben sich wahre Naturjuwele in der Kulturlandschaft etabliert, die nicht nur für Flora und Fauna überlebenswichtig sind, sondern auch immens wichtige Beiträge für gesunde Böden, einen intakten Nährstoffkreislauf und den Wasserhaushalt leisten.

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Brachetypen, die je nach (ehemaliger) Nutzung unterteilt sind. Genau diese Vielfalt fungiert als  Multiplikator für eine artenreiche Landschaft.

Urzeitkrebse
"Urzeitkrebse" © W. Hödl
Der Kiebitz © K. Wessely
Das Schwarzkehlchen © K. Wessely